Quelle: FAZ

TIERE ESSEN

Wenn ein Buch die Kraft hat, die Welt zum Fleischverzicht zu bekehren, dann ist es Jonathan Safran Foers neues Werk „Tiere essen“, das nächste
Woche in den Buchhandel kommt. Gerade weil es keine Bekehrungsschrift ist, kein rigoristisches Pamphlet, sondern ein skrupulöser literarischer
Bericht, der seine Argumente nur tastend und zögernd entfaltet – gerade deshalb ist „Eating animals“ in Amerika ein vieldiskutierter Bestseller
geworden.
Viele Leser erklärten, nach der Foer-Lektüre zum Vegetarier geworden zu sein. Doch für wie lange? Für eine Woche? Einen Monat? Ein Jahr? Foer
setzt weniger auf den Schock-Effekt, die die Berichte aus den Ställen der Massentierhaltung auslösen, sondern auf die allmählich Verfertigung
einer anderen Perspektive, eines anderen Vokabulars, in dem es nicht länger „Fleisch essen“, sondern „Tiere essen“ heißt. Eine Perspektive
und ein Vokabular, in dem die Verbindung zwischen der Kreatur im Mastbetrieb und dem Stück Steak auf dem Teller sinnfällig wird, statt
sich in der Abstraktion einer globalen Verwertungskette zu verlieren

„Ich bin der Typ, der mitten in der Nacht in eine Farm einsteigt“: Vielleicht sollte man diesen Bericht eines anonymen Tierrechtlers, den
Foer in seinem Buch dokumentiert, als Einführung lesen. In diesem Bericht eines ehemaligen „Nachschneiders“ – „das heißt, ich mußte den
Tieren, die den Halsschnittautomaten überlebt hatten, die Kehle durchschneiden“ – wird das Geschäftsmodell der Massentierhaltung auf
zwei lapidare Sätze gebracht: „Massentierbetriebe berechnen genau, wie dicht am Tode sie die Tiere halten können, ohne sie umzubringen. Wie
rasant man ihr Wachstum beschleunigen, wie eng man sie packen kann, wie viel oder wenig sie fressen, wie krank sie sein können, ohne zu sterben.“

Skandal der Massentierhaltung
Am schwierigsten an seinem neuen Buch sei nicht die Recherche gewesen, sagt der Romancier Foer, sondern den richtigen Ton zu treffen.
Tatsächlich ist es dem Autor gelungen, das Thema Vegetarismus aus der rigoristischen Ecke zu holen und ihm die manichäische Spitze zu nehmen,
den sektiererischen Ungeist. Foer hat so viel Vertrauen zu seinem Gegenstand, dem Skandal der Massentierhaltung, daß er bei aller Drastik
der Darstellung sich einen entgegenkommenden, ja versöhnlichen Ton erlaubt.

Das Buch geht den Vegetarismus nicht als Prinzipienfrage an, das ist seine Pointe. Es gibt in dieser Hinsicht einen Schlüsselsatz: „Daß die
Geflügelindustrie so riesig ist, bedeutet: Wenn mit dem System etwas nicht stimmt, dann stimmt mit der Welt etwas nicht.“ Eine schuldlose
Schuld, so liest man diesen Satz, steht hinter der Degradierung des Tieres zur Sache. Foer ist moralphilosophisch ein Konsequentialist. Sein
Buch liest sich auch als Test auf dieses Verfahren, das Verbotene von den Folgen des Erlaubten her zu bestimmen.

Qual und Verenden des einzelnen Tieres
Der Autor verfaßt „Tiere essen“ als ein Günter Wallraff der Mastbetriebe, leistet harten investigativen Journalismus, er schreibt
hier aber auch als Philosoph über die beste aller Welten. Er bildet sich nicht ein, das System der Massentierhaltung aus den Angeln heben zu
können, nur weil es nach seinem Buch mehr Vegetarier geben wird als zuvor. Denn aus diesem System spricht eine Schlechtigkeit, die sich
kulturell mildern, aber nicht ausrotten läßt. Mit anderen, mit Foers Worten: Etwas stimmt nicht mit der Welt, wird immer nicht mit ihr
stimmen. Mit den Worten des deutschen Vegetarierbundes, der das Buch mit den hiesigen Daten ergänzt hat: Allein in Deutschland werden jährlich
etwa 40 Millionen für die Eierproduktion unbrauchbare Hahnenküken vergast oder bei lebendigem Leib geschreddert.

Die beklemmendste Vignette des Buches trägt den Titel „Die Erlösung“ und berichtet vom Besuch einer mit Futterautomaten, Ventilatoren und
Wärmelampen ausgestatteten Truthahnmast, deren Personal ein zitterndes, verkrustetes, starr die Beine streckendes Küken mit einem Schnitt durch
die Kehle „erlöst“. Es ist das durch und durch klinische Setting dieser mit Sägemehl ausgelegten Intensivstation, das den Autor in seinen Bann
zieht: „Außer den Tieren selbst gibt es nichts, was auch nur ansatzweise natürlich wäre – kein Fleckchen Erde, kein Fenster, durch das Mondlicht
hereinfiele. Ich bin überrascht, wie einfach es ist, das anonyme Leben rundherum auszublenden und die Harmonie der Technik zu bewundern, die
diese kleine, in sich geschlossene Welt so präzise reguliert, die Effizienz und Perfektion der Maschine zu sehen und die Vögel als
Erweiterung oder Zahnrad dieser Maschine zu begreifen – nicht als Lebewesen, sondern als Teile. Sie anders zu sehen fällt schwer.“ Sie
anders zu sehen, ist indessen das Ziel des Buches.

Papa, woher kommt das Fleisch auf meinem Teller?
Tierschutz und Vegetarismus sind nicht zum kleinsten Teil ästhetische Themen. Wenn es gelingt, die perverse Ästhetik der Massenställe und
ihrer gentechnisch manipulierten Insassen greifbar zu machen, dann hat jene Verhaltensänderung eine Chance, die der moralische Appell nicht
zuwege bringt. Foer verteidigt nicht Konsequenz und Heiligkeit, denn Scheinheiligkeit und Inkonsequenz „gehören zum Menschlichen“.
Stattdessen beschreibt er die aseptischen Bilder des Mastgrauens, deckt die Steigerungslogik der Branche auf, indem er aus den
Erfolgsstatistiken zitiert: „Zwischen 1935 und 1995 stieg das Durchschnittsgewicht eines Masthuhns um 65 Prozent, während seine
Lebensdauer bis zur Schlachtung um 60 Prozent verkürzt und der Futterbedarf um 57 Prozent gesenkt wurde.“

Was hinter den beständig optimierten Zahlenkaskaden steht, ist Qual und Verenden des einzelnen Tieres. Foer läßt nicht zu, daß wir die Augen vom
Gehäuse der Truthahnmast abwenden: „Weil es so viele Tiere sind, brauche ich mehrere Minuten, bis ich merke, wie viele von ihnen tot sind. Manche
sind blutverkrustet, manche voller entzündeter Stellen. Nach manchen wurde offenbar gehackt, andere sind ganz ausgetrocknet und liegen wie
kleine Laubhäufchen beieinander. Manche sind deformiert. Die Toten sind die Ausnahmen, aber wohin man auch schaut, man sieht fast immer eins.“

Papa, woher kommt das Fleisch auf meinem Teller? Von den Tieren, mein Kind, von den Tieren. Foer wußte, als er Vater wurde, daß diese Antwort
seinem Sohn später einmal nicht genügen würde. Deshalb recherchierte und schrieb er „Tiere essen“.
 

 

 

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